Sonntag, 05 Dezember 2021

slide fest

Rede "Volkstrauertag" (21.11.2021)

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich darf Sie zur heutigen Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages 2021 recht herzlich begrüßen und freue mich, dass Sie der Einladung der Ortsgemeinde Anhausen so zahlreich gefolgt sind.
Vorab möchte ich mich aber recht herzlich beim Burschenverein Anhausen für die Mitwirkung an dieser Gedenkfeier bedanken.
Seit Jahrzehnten ist der Volkstrauertag eine feste Institution am zweiten Sonntag vor der Adventszeit.

„Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn“, hat der französische Philosoph Gabriel Marcel geschrieben. Damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimme hören, haben wir den Volkstrauertag.
Denen, die sich heute hier versammeln, aber auch denen, die im letzten Jahr und heute aufgrund der Corona-Pandemie nur in Gedanken am Ehrenmal sein konnten und können, ist es wichtig, gemeinsam am Volkstrauertag derer zu gedenken, die in der Vergangenheit aber auch in der Gegenwart durch Krieg, Gewalt, Hunger und Elend ums Leben gekommen sind.
Ich möchte, aber auch heute in unser Gedenken die Menschen mit einbeziehen, die durch die Corona Pandemie verstorben sind, es sind fast 100000 und die Menschen, die durch die Hochwasserkatastrophe ums Leben gekommen sind, insbesondere im Ahrtal.
Die Anzahl derjenigen, die noch Kriegserlebnisse aus erster Hand erzählen können, wird naturgemäß immer geringer. Die unmittelbare Trauer, die sich auf dem Verlust eines geliebten Menschen gründet, ist verblasst. Der Zweite Weltkrieg endete vor nunmehr 76 Jahren.
Es fällt insbesondere jüngeren Menschen schwer, die Bedeutung, die der Volkstrauertag für die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen hat, in der Tiefe zu begreifen. Wann die Weltkriege offiziell endeten, wird in der Schule vermittelt, steht in jedem Lexikon und kann auch in den Suchmaschinen im Internet nachgelesen werden.
Wie lange die Weltkriege jedoch nachwirken in den Kriegskindern und -enkeln ist eine andere und nur individuell beantwortbare Frage. Es gibt vermehrt auch die Spurensuche der dritten und vierten Generation mit Blick auf Angehörige, ihr Erleben und ihr Schicksal im Krieg.
Mit der geschichtlichen Entfernung zu den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs kommt den Gedenkstätten zunehmend eine neue Bedeutung zu: Sie werden von Orten der individuellen Trauer zu Orten des Lernens.
Der Volkstrauertag sollte daher dazu genutzt werden, ein Gespür dafür zu vermitteln, was Krieg, Gewalt und Flucht bedeuten.
Lassen Sie uns das Gespräch über die Generationen hinweg suchen.
Kriege und ihre schrecklichen Folgen müssen in Erinnerung gehalten werden als stete Mahnung, damit die Menschen ihre Probleme friedlich lösen.
Doch im letzten Jahr und heute ist der Volkstrauertag anders als all die Jahre zuvor.
Wir sind noch mitten in der Zeit der Corona-Pandemie und es ist noch kein Ende in Sicht. Jeder von uns musste sein Leben umstellen. Für viele waren es Monate der Einsamkeit und der Trennung von lieben Menschen, von Angehörigen und Freunden.
Die Jahre 2020 und 2021 waren denkwürdige Jahre, wie sie in der Geschichte selten vorkamen. Selbst in unserer gefestigten Demokratie ereigneten sich Vorkommnisse, die wir vor knapp zwei Jahren für unvorstellbar hielten. In Deutschland gab und gibt es unzählige Einschränkungen. So wurden z.B. die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Religionsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung eingeschränkt. Dies alles passierte durch Verordnungen, die die Bundesregierung und Landesregierungen erlassen haben.
Letztendlich ist es aber deren Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Gesundheitsvorsorge der Bevölkerung sichergestellt wird und ist.
Des Weiteren nahm die rechte Gewalt und damit auch die Aggressionen gegen Geflüchtete und Asylbewerber in dieser Zeit in Deutschland weiter zu.
Der Verfassungsschutz zählte im Jahr 2020 mehr als 22.300 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund, darunter 1023 Gewalttaten. Darunter fällt z.B. das Attentat am 19. Februar 2020 in der Hanauer Innenstadt. Ein Rechtsextremist erschoss elf Menschen, acht davon mit Migrationshintergrund, eine Deutsche, seine Mutter und schließlich sich selbst. Aber spätestens, als am 29. August 2020 ca. 400 Rechtsextremisten und Regierungskritiker versuchten das Reichstagsgebäude zu stürmen, mussten bei jedem von uns alle Alarmglocken läuten.
Möglicherweise bietet die Cornoa-Pandemie aber auch eine Chance, um uns wieder auf die wichtigen Werte zu besinnen. So kümmern wir uns in dieser Zeit z.B. um unseren Nachbarn, der zum Einkaufen das Haus nicht verlassen kann, oder wir danken den Menschen im Gesundheitswesen, die mit dem Risiko leben, selbst infiziert zu werden und sich dennoch um alte und kranke Menschen kümmern. Wir unterstützen uns in Krisenzeiten und lassen niemanden allein, auch wenn wir Abstand halten.
Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick auf den Himmel freigeben.
Lassen Sie uns deshalb dafür kämpfen, dass die Welt wieder ein Stück näher zusammenrückt und dass wir die Hoffnung auf eine bessere Welt nach Corona nicht verlieren.
In diesem Sinne ist der Volkstrauertag, wie auch die allgemeine Entschleunigung im letzten und in diesem Jahr, ein Innehalten, eine Zeit zum Nachdenken darüber, was einem jeden von uns wirklich wichtig ist in diesem Leben.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Heinz-Otto Zantop, Ortsbürgermeister
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